Indikationen zur operativen Therapie des Kiefergelenkes aus heutiger Sicht
Schmerzen und Funktionsstörungen der Kiefergelenkregion sind in den meisten Fällen mit nicht chirurgischen Methoden zu bessern oder zu beseitigen. Insbesondere die häufigen Formen muskulärer Hyperaktivität im Kiefer- und Gesichtsbereich sind eher eine Domäne der konservativen Therapie. Die Diskusverlagerung, Diskus-Perforation und Arthrose im Kiefergelenk sind bis auf wenige Ausnahmen als selbstlimitierende Veränderungen anzusehen, deren Symptome unter adäquater Therapie oder spontan durch Anpassung in einem definierten Zeitraum verschwinden. Dies hat insbesondere eine Bedeutung für die häufige Frage solcher Veränderungen im Vorfeld, während oder nach einer kieferorthopädischen Therapie.
In diesen Fällen kann eine Indikation zu arthroskopischen oder offenchirgischen Maßnahme nur bei Beschwerderesistenz oder hohem Leidensdruck bestehen; dann kann eine Verkürzung der Beschwerdezeit erreicht werden. Der Erfolg dieser Therapie hängt im Wesentlichen von der Befundkonstellation ab. Daher kommt der Selektion von Patienten besondere Bedeutung zu.
Eine primäre Indikation zur offenen Chirurgie besteht dagegen bei der habituellen Luxation, aktiven kondylären Hyperplasie, der Kondylusresorption, der chronischen Arthritis, bei der Ankylose und Tumoren. Gezielt kann hier aus einer großen Variation verschiedener Operationsverfahren ausgewählt werden; sie reichen von modellierenden Eingriffen bis zum Gelenkersatz. Der kurative Ansatz der modernen Kiefergelenkchirurgie besteht dabei – wenn immer möglich – in der Förderung der körpereigenen Regeneration und Kompensation, sodass in vielen Fällen gering invasive Verfahren gewählt werden können.
Besondere Schnittstellen mit der Kieferorthopädie stellen syndro-mal oder anders verursachte Veränderungen des Kiefergelenks mit der Folge komplexer Wachstumsstörungen des Gesichtsschädels dar. Im Kindesalter kann meist eine kombinierte kieferorthopädische und distraktionschirurgische Behandlung nachentwickeln. Nach Abschluss des Wachstums kann hier auch eine einseitige Wiederherstellung durch kombinierte Dysgnathiechirurgie und Gelenkrekonstruktion in Betracht kommen. Solche Operationen müssen u.a. anhand von CT-Daten und einer Modelloperation dreidimensional geplant werden, wofür ein neues Planungsgerät entwickelt wurde. Für den Ersatz des Kiefergelenks stehen autologe Transplantationsverfahren und heute auch bewährte individuelle alloplastische, zweiteilige Endoprothesen zur Verfügung. In neuester Entwicklung können diese virtuell unter direkter Mitwirkung des Chirurgen während einer Webkonferenz in einem CAD/CAM-Verfahren konzipiert werden.
Die Kiefergelenkchirurgie hat damit den Anschluss an die Gelenkchirurgie der Extremitäten erreicht. Im Vergleich sind die Voraussetzungen wegen der besseren Regenerationspotenz des Kiefer- und Gesichtsbereiches günstiger; auf der anderen Seite erscheint sie durch die ge-ringen Dimensionen, die Auswirkungen auf die Okklusion, die kritische topographische Lage und die differentialdiagnostische Abgrenzung zu nicht arthrogenen Symptomen erschwert.